Salon Dahlmann

Ich bin ein Riss, ich will durch Wände gehen

Sammlung Peters-Messer und Miettinen Collection

Theo Altenberg, Monica Bonvicini, Peppi Bottrop, Larissa Fassler, Tom of Finland, Günther Förg, Thomas Grötz, Katharina Grosse, Sabine Hornig, Pertti Kekarainen, Iris Kettner, John Kleckner, Stefan Knauf, Ola Kolehmainen, Matti Kujasalo, Erik van Lieshout, Niko Luoma, Philipp Modersohn, Jussi Niva, Lars-Gunnar Nordström, Jussi Niva, Albert Oehlen, Manfred Pernice, Michael Rutschky, Benja Sachau, Thomas Scheibitz, Emanuel Seitz, Florian Slotawa, Thomas Struth, Finbar Ward, Jenni Yppärilä 

Kuratiert von Stephan Gripp

 

22. 09.  -  15. 12. 2018

Eröffnung:  21. 09. 2018, 18 - 21:00 Uhr

Öffnungszeiten:  Samstag  12:00 - 18:00 Uhr

 

 

 

   

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Das Tier hat sich ein weit verzweigtes Netz aus Gängen und Höhlen unter der Erde geschaffen. Sein Bauwerk scheint gut geraten. Und dennoch ist es von der steten Angst beherrscht, der Bau sei nicht perfekt genug, um Feinde oder Störenfriede davon abzuhalten, in die Anlage einzudringen.

Franz Kafkas Erzählung, „der Bau“, Mitte der 1920er Jahre entstanden, fällt in eine Zeit, als sich, beschleunigt durch die industrielle Revolution, das bürgerliche Heim des 19. Jahrhunderts mitsamt seinem Lebensentwurf atomisiert. Die psychischen Störungen, die mit der Transformation der räumlichen und gesellschaftlichen Ordnung einhergingen und sich beispielsweise in vielfältigen Raum-Phobien äußerten, behandelte Sigmund Freud zwar noch im alten bürgerlichen Setting aus Fauteuils, wuchtigen Sofas und schweren Teppichen. Gleichzeitig begannen Architekten und Stadtplaner neue Wohn- und Stadtkonzepte zu entwickeln, um die Bewohner der Metropolen fit für das 20. Jahrhundert zu machen und nicht nur die Krankheiten der alten Städte mit ihren Raumordnungen zu beseitigen, sondern auch Mythos, Irrationalität und Tyrannei. Dadurch geriet der Raum als umbauter, symbolischer und psychischer Ort in die gesellschaftlichen Debatten des 20. und 21. Jahrhunderts. 

Die architektonischen Ideen und Modelle, die sich beispielsweise in Loos „Raumplan“ oder Le Corbusiers „espace idicible“ formulierten, waren nach dem Zweiten Weltkrieg nur ferne Echos einer auch an sich selbst gescheiterten Moderne. Der Raum wurde in der Folge zum Leit- und Kampfbegriff der späten sechziger Jahre, um nun wiederum die nächste überkommene soziale Ordnung zu analysieren und dann den Versuch zu unternehmen, diese zu beseitigen. 

Dank der damals entwickelten Konzepte zum Verständnis unserer Beziehung zum Raum, können wir heute feststellen, dass dieser keine homogen feststehende Struktur ist. Wir leben in zersplitterten wie in vernetzten Raumgefügen und in virtuellen Räumen; wir durchqueren territoriale Räume, bevölkern Plätze oder suchen der Öffentlichkeit entzogene Rückzugs-Räume auf. 

Wie sich die Kunst in das Verhältnis zum Raum setzt, zeigt die Ausstellung „Ich bin ein Riss ich will durch Wände gehen“, die Arbeiten aus den Sammlungen Peters-Messer und Miettinen zusammenführt. Monica Bonvicini und Manfred Pernice verbinden ihre Objekte und Installationen zu einem Referenzsystem, in dem Körper, Räume und Objekte eng miteinander in Verbindung stehen. Mit der Zeichnung „Caged Tools“ von Bonvicini und den Fragmenten eines Abrisshauses bei Pernice „o.T. (hässliche Luise)“ tragen sie den Sound der Stadt in die Ausstellung.

In der 1979 begonnen fotografischen Serie „unconcious places“ inszeniert Thomas Struth durch die Dokumentation verwaister Stadtlandschaften diese Leerstelle als psychologisches Profil ihrer (abwesenden) Bewohner. Theo Altenbergs Fotografie einer Massenzene im Friedrichshof („Nach den Selbstdarstellungen“) zeigt, dass Krieg und die Krise der Moderne in dem Versuch mündete, Räume und Körper zu befreien. Dem gegenüber steht Florian Slotawas Materialassemblage aus Wohnungsfenster und Waschmaschine als Monument einer normativen kleinbürgerlichen Häuslichkeit. Im ländlichen Raum definieren sich Bushaltestellen als transistorische Orte, die der Vorstadtjugend als Treffpunkt dienen, und der Bus in die Stadt befreit sie aus der kleinstädtischen Enge. Sabine Hornigs brutalistischer Baukörper "Bus Stop” erscheint aufgrund des leicht verkleinerten Maßstabs eindeutig als autonome Skulptur - gleichzeitig als Schutzraum wie Bühne - und bildet damit das Setting für Tom of Finlands posierende „California Men“.

Das Unbehangen in der modernen Architektur bildet Ola Kolehmainen mit der Fotografie „Library 1“ ab. Die Arbeit zeigt das vergrößerte Negativ einer Raumansicht der Alvar Aalto Bibliothek in Vyborg, deren zentrales Objekt ein Oberlicht bildet, das als schwarze runde Scheibe den Bildraum beherrscht. 

Im zentralen Berliner Zimmer des Salons durchqueren Erik van Lieshout in seiner zuerst auf der 4. Berlin Biennale gezeigten Rauminstallation „Rotterdam - Rostock“ und Michael Rutschky mit der Fotoserie “Unterwegs im Beitrittsgebiet (1-50)” zu unterschiedlichen Zeiten die Territorien West- und Ostdeutschlands. Als Chronisten und Beteiligte setzen sie sich in Beziehung zu den Menschen und Architekturen der Städte, der Peripherien und ländlichen Räume und zeigen, wie sich soziale und politische Verhältnisse in Raum und Zeit stetig verändern und neu verknüpfen.

 

Text und Ausstellungskonzept: Stephan Gripp

 

 

Aurora Reinhard

High Rider

kuratiert von Peter Friese / in Kooperation mit Robert Grunenberg Berlin

 

22. 09.  -  15. 12. 2018

Eröffnung: 21. 09. 2018, 18 - 21 Uhr

Öffnungszeiten: Samstag 12 - 18 Uhr

 

 

 

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 Aurora Reinhard "High Rider (kulta)", 2009 Polyurtheran, Resin, Gold

 

Die in Helsinki lebende Aurora Reinhard geht davon aus, dass die in unserer Gesellschaft vorhandenen Vorstellungen von Mann und Frau, von Gender und Sexualität historisch gewachsene Konstruktionen und Diskurse sind. Mit ihren Fotoarbeiten, Skulpturen und Videos hinterfragt sie insbesondere dasFremd- und Selbstbild von Frauen in den Medien und der Konsumwelt. Doch geht es ihr bei ihrer Arbeit auch um die Geschlechterspannung als Teil unserer Kultur- und Geistesgeschichte, die viel weiter zurückreicht, als die gerade aktuellen Debatten. Dieser zu Recht feministisch zu nennende Ansatz konkretisiert sich immer wieder in irritierend schönen, die Sinne und den Verstand der Betrachterinnen und Betrachter gleichermaßen herausfordernden Werken. Sie reichen von zum Teil verstörenden und provozierenden Fotoarbeiten über Skulpturen bis hin zu Videos, in denen die Grenzen, Spannungen, aber auch die Übergänge zwischen den Geschlechtern differenziert, kritisch und zugleich mit großer Anteilnahme betrachtet werden.

Für ihre Ausstellung hat die Künstlerin mehrere neue Arbeiten entwickelt und sich dabei von Bildern inspirieren lassen, die aus dem Fundus des abendländischen Bildgedächtnisses stammen. Einige von ihnen reichen weit in archaische Zeiten zurück wie etwa das Doppelmotiv von Mutter und Kind. Aber auch die Gestalt des mit Pfeilen durchbohrten, ein grausames Schicksal erleidenden heiligen Sebastian gehört dazu. Allerdings wechselt in diesem Falle die Figur des christlichen Märtyrers ihr Geschlecht und wird zu einer gefesselten, mit Pfeilen gespickten Andromeda. 

Das Motiv des abgetrennten Kopfes gehört ebenfalls in diesen Bilderkanon, beschreibt es doch die Vorstellung, dass ein Mensch am Ende eines tragischen Konflikts sprichwörtlich seinen Kopf verliert, ent-hauptet wird. Die uns bekannten Überlieferungen reichen von Medusa, über Goliath, Holofernes und Johannes, bis hin zu Störtebecker und den zahlreichen Enthaupteten während der Französischen Revolution. Die Trennung von Kopf und Körper existiert als martialisches Sinnbild seit vielen tausend Jahren in unserem kulturellen Gedächtnis. Neben dem Kontext des Medusenkopfes erinnert diese Fotoarbeit an das auf einem Teller präsentierte Haupt des Johannes des Täufers, wie es vor etwa 500 Jahren eindrucksvoll von Lucas Cranach ins Bild gebracht worden ist. Hier geht es also keineswegs um die Bestätigung ewig gültiger Archai, welche sich in ihrer Gestalt und Bedeutung niemals verändern. Stattdessen macht Aurora Reinhard in allen ihren Bildadaptionen sinnfällig, dass die vermeintlichen Urbilder allesamt historisch gewachsen sind und sich letztlich als modifizierbare, uminterpretierbare und zu neuen Kontextualisierungen und Bedeutungen fähige Sinnbilder erweisen.

Madonna with Child greift in diesem Sinne nicht nur eine Bildtradition auf, die älter ist als das Christentum und das Judentum, sondern erweist sich in ihrer besonderen Adaption als höchst merkwürdige, in verstörender Weise aktualisierte und fetischisierte Gestalt. Die in eine Latexmaske mit Perücke, mit rotem Netzshirt und blauem Obergewand gekleidete Figur präsentiert sich als sexualisierte Gummigestalt mit prallen Brüsten und entsprechend künstlich wirkender Babypuppe. Die Anmutung, dass es sich hier um eine Verkörperung handeln könnte, welche in der Traditionslinie der Isis, Demeter, Kybele oder der Gottesmutter Maria steht, wird durch diese Verfremdung sowohl auf die Spitze getrieben, als auch ad absurdum geführt. Und die realen, aus den Augenlöchern des Latexgesichtes etwas verstört blickenden Pupillen machen klar, dass in dieser maskenhaften Fetisch-Hülle tatsächlich ein lebendiger Mensch steckt, - was den Widerspruch nur noch vergrößert. Aurora Reinhard konkretisiert und radikalisiert hier ein einst hieratisches über Jahrtausende überliefertes Bild mit Hilfe von befremdlichen Utensilien, die zum Teil aus dem Sexshop stammen, zu einem in erschreckenden, wie gleichermaßen faszinierenden Ersatzbild unserer Tage. 

Der Wunsch ein anderer oder eine andere zu sein, in die Haut eines anderen Menschen oder gar in die Latexhülle des anderen Geschlechts zu schlüpfen, klingen in dieser Fotoarbeit ebenso an, wie die Erkenntnis der Vergeblichkeit einer solchen angemaßten Identitätsfindung im Rahmen einer fetischisierten Ersatzes. Aurora Reinhards Werke verstehen sich eben nicht als Vorschläge oder Rezepturen für reale Selbstfindungsprozesse, sondern vor allem als zutiefst irritierende, wie auch erkenntnisstiftende Sinnbilder. Es geht um das Begreifen der Geschlechterdifferenz als gesellschaftliche Konstruktion und die Erkenntnis der kulturellen Vorprägung dessen, was wir Identität, Sex und Gender nennen. Alles dies scheint hier nicht als vorweggenommene Lösung aller Konflikte auf, sondern als deren radikalisierte bildgewordene Disposition.

Bei High Rider hat Aurora Reinhard eine Schere mit einem weiblichen, wie Scherenklingen gespreizten Beinpaar kombiniert. Auf diese Weise schafft sie ein intensives, vielleicht ein wenig an ein Fresko von Max Ernst erinnerndes Denk-Bild, in dem das sexuelle Begehren und die vom weiblichen Körper ausgehende Verführung zusammenkommen mit der (unterstellt männlichen) Angst, kastriert zu werden. Die Verbindung von Sigmund Freuds Entdeckung des Unbewussten, letztlich die Beeinflussung der Surrealisten durch den Traum und das Unbewusste klingen in dieser kleinen goldenen Figur noch einmal deutlich an. Nicht zuletzt haben der vom Entdecker der Psychoanalyse verfasste Aufsatz zum Medusenhaupt und seine Beschreibung der Kastrationsangst zu kontroversen Debatten beigetragen. Freud entwarf einerseits die für das männliche Begehren angsterfüllte Vorstellung einer Vagina Dentata, was sich durchaus aus der bildhaften Vorstellung der zahnbewehrten Gorgo-Medusa ableiten ließ. Anderseits beschrieb er diese archaische weibliche Figur selbst als Kastrierte, weil er (nachdem sie ihren Kopf an Perseus verlor) die klaffende Halswunde ebenso bildhaft als blutende Vagina interpretierte. Doch ging er in seiner Übertragung hierin vielleicht ein wenig zu weit: Die Medusa ist in Wahrheit keine Kastrierte (mit potentiellem Penisneid), sondern eine Kastrierende! Sie steht für die Faszination und das Zusammengehen von Eros und Thanatos, Lust und Schmerz. Und für die bildhafte Vorstellung einer machtvollen archaischen Frauengestalt, in der diese Gegensätze zusammenfinden ohne sich harmonisch aufzuheben.  

Zusammen mit diesen eben noch im Rahmen einer Personale im Kunstverein Ruhr ausgestellten Werken werden weitere nicht minder brisante Werke aus dem Besitz der Künstlerin und der Sammlung Miettinen gezeigt. Darunter auch Flowers, ein Stapel von langen strumpfartigen Handschuhen in allen denkbaren Hautfarben. Sie sind mit langen, krallenartigen lackierten Fingernägeln bestückt und wirken wie eine zweite perfekte Haut, die jederzeit austauschbar ist. Aber zugleich auch wie Relikte äußerst schmerzhafter Häutungen. Wenn Aurora Reinhard sich auf ihre spezielle Weise mit der Repräsentation von Weiblichkeit beschäftigt, geschieht dies stets kultur- und geistesgeschichtlich fundiert, kompromisslos, bisweilen auch humorvoll. Letztlich schafft sie in ihren Fotografien, Skulpturen und Videos keine Abbilder oder gar wohlfeile Illustrationen längst bekannter Zusammenhänge, sondern vielmehr beeindruckende Sinnbilder, die verwundern, schockieren, aber in jeden Fall Querverbindungen und vollkommen neue Gedanken und Erkenntnisse stimulieren.  

 

Dank an:  Finnland-Institut  in Deutschland, Frame Finland, Timo Miettinen, Kunstverein Ruhr / Text: Peter Friese

 

 

 

 

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