Salon Dahlmann

14. 07.  -  01. 09. 2018 

 

Eröffnung:  Fr. 13. 07. 2018, 18-21:00 Uhr 

Öffnungszeiten: Sa. 12 - 18:00 Uhr und auf Anfrage

 

 

You are Just a Piece of Action
Portraits from the Miettinen Collection

 

Joachim Bandau, Amoako Boafo, Elina Brotherus, Terike Haapoja, Leiko Ikemura, Artor Jesus Inkerö, Ulla Jokisalo, Jürgen Klauke, John Kleckner, René Luckhardt, Jürgen Ostarhild, Aurora Reinhard, Achim Riethmann, Julian Röder, Ulay, Jesse Wine

 

 

Aurora Sommerausstellung

 Aurora Reinhard, Eye-Dolize, 2006, inkjet print on dibond, 145 x 125 cm, courtesy Miettinen Collection

 

 

Wir befinden uns im Jahre 1993 als die Künstlerin und Autorin Jutta Koether unter dem Eindruck der politischen Ereignisse der frühen neunziger Jahre in einem Text für die Musikzeitschrift Spex die Wirkung auf ihr persönliches Umfeld beschreibt und der Frage nachgeht, wie man als KünstlerIn darauf zu reagieren habe. „You are just a Piece of Action“ zitiert sie eine Passage aus Andy Warhols Buch zu Blue Movie. Selbstreflektion scheint keine Option, wenn der Strom der Ereignisse die Akteure mitreißt. 

Wurde bis in die neunziger Jahre hinein, noch unter dem Eindruck des Kalten Krieges, die Welt in binäre Debatten zerlegt, sind heute alle Flanken aufgerissen. Der schwindelerregende wissenschaftliche und technologische Fortschritt lässt Biogenetik, Neurowissenschaft und Informationstechnologie aufblühen. Daten, Kapital und Informationen zirkulieren in Höchstgeschwindigkeit, sie transformieren und fragmentieren Gesellschaften und Individuen.

Welche Auswirkung hat die Zersplitterung des Subjekts und die massive Beschleunigung der Gegenwart auf die künstlerische Praxis? 

Die Ausstellung zeigt Einzelwerke und Werkgruppen aus der Sammlung Miettinen und dokumentiert, wie sich eben diese tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen seit den 1960er Jahren in der künstlerischen Darstellung des menschlichen Körpers manifestieren.

In Artor Jesus Inkerös Selbstportrait „Justin“ dokumentiert der Künstler, der sich selbst als „nicht-geschlechtlich“ bezeichnet, die Transformation seines Körpers und seiner Identität durch Body-Shaping und Nahrungsergänzungsmittel in eine Ich-Maschine und männlichen Kraftprotz. Elina Brotherus inszeniert in ihren Fotografien Tänzer als Kollektiv der Körper. Jürgen Ostarhild klont am Rechner ein idealtypisches männliches Model und Terike Haapoja stellt ihren Körper als durch Krankheit beschädigten Torso dar.

Bereits in den sechziger Jahren setzt sich Joachim Bandau in seinen Zeichnungen mit der Verschmelzung von Technologie und Körper auseinander. Seine Zwitterwesen aus Mensch und Maschine greifen Oswald Wieners Bioadapter aus seinem Roman „die Verbesserung Mitteleuropas“ auf sowie die avantgardistischen Architekturplastiken und -Installationen des Architektenkollektivs „Haus Rucker Co.“

Achim Riethmanns Aquarelle oszillieren zwischen Zerlegung und Auslassung, sodass die dargestellten militanten Aktivisten des Schwarzen Blocks nur noch als de-personalisierte Körper-Fragmente erkennbar sind. Demgegenüber stellen Aurora Reinhards Büsten eine verzerrte Weiblichkeit aus. Die Maskerade der großen Münder, Lippen und künstlichen Haare mutet ähnlich grotesk und unheimlich an wie Officer K.’s virtuelle Partnerin „Joi“ aus Blade Runner 2049. Und in Leiko Ikemuras Gemälde verschwinden diese dann als geisterhafte Figuren in den Farbnebeln der Leinwand.

Im Berliner Zimmer des Salon Dahlmann schließlich zeigen Julian Röders dokumentarische Fotos die Art Basel als eine künstliche, inszenierte spätkapitalistische Arena, in der Besucher, Sammler und Galeristen als selbstentfremdete Akteure nur noch eine ihnen zugewiesene Rolle einnehmen. Sie sind zur Ware der Aufmerksamkeitsökonomie geworden: “You are just a piece of action”.

 

Text und Ausstellungskonzept: Stephan Gripp